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Chaotender, Nekrophoren und die DORIFER-Pest
von Dr. Robert Hector
"Die wirkliche Entdeckungsreise besteht nicht darin,
nach neuen Landstrichen zu suchen, sondern neue Augen zu haben."
Marcel Proust
Am 8. September 2001 feierte die Rhodan-Serie ihr 40-jähriges
Jubiläum. Drei Tage später wurde die Science Fiction von der
Realität überholt; etwas vorher Undenkbares geschah. Gewalt und
Krieg erhielten eine neue Dimension. Wird das 3. Jahrtausend ein Jahrtausend
der Kriege sein?
Per "Sternenfenster" geht es demnächst ins Reich Tradom, eine Welt des
Bösen. Ein gnadenloses Regime, Sklavenschiffe, Aufstände,
tödliche Katamar-Schlachtschiffe und die Inquisition der Vernunft. Atlan
und die SOL dagegen verfolgen die Spur der Pangalaktischen Statistiker in
der Galaxis Wassermal. Es geht um die Koalition Thoregon, die Kosmokraten,
die Geheimnisse des Kosmos. Stichworte wie "Kosmonukleotide" und "Leibowitz"
geben Rätsel auf.
Die in Heft 2093 gewonnenen Erkenntnisse verändern das bisherige
PR-Weltbild. Chaotender mit ihren Nekrophoren als Gegenspieler der Sporenschiffe
mit ihren Biophoren bzw. ON- und NOON-Quanten. Das erklärte Ziel der
Expokraten ist es, die bisherige (Voltzsche) Kosmologie zu "erweitern" und
"anders darzustellen". Doch worin bestand die "alte" Konzeption, und worin
besteht der "neue" Weg?
Die Voltzsche Kosmologie ist komprimiert in PR-Band 1000 dargestellt. So
ist dort auf Seite 77 zu lesen:
"Die Kosmokraten versuchen alles, um die Entwicklung weiterer Materiequellen
zu sichern. Stell dir vor, was geschähe, wenn sich nur noch Materiesenken
bilden würden - fehlgeschlagene, verlorene Superintelligenzen, ohne
jede Chance, jemals auf die andere Seite zu gelangen. Die Kosmokraten wären
dann von der Evolution abgeschnitten. Ich fürchte, das wäre das
Ende des Universums."
Rhodan dachte an einen Ausspruch, den er in Zusammenhang mit den Rittern
der Tiefe gehört hatte:
Wenn der letzte Ritter der Tiefe gegangen ist, werden alle Sterne
erlöschen...
Nach allem, was er nun erfahren hatte, mußte er diese Legende in einem
völlig anderen Licht sehen. Der Wächterorden war von den Kosmokraten
initiiert worden. Die Ritter der Tiefe hatten sich überall im Universum
für die positiven Kräfte eingesetzt und dabei, ohne es zu wissen,
zur Stabilisierung und Erhaltung von Materieballungen beigetragen. Ohne die
Weiterentwicklung von Mächtigkeitsballungen konnte es keine Materiequellen
mehr geben - und ohne diese würde das Universum keine neuen Energien
mehr erhalten: Die Sterne würden in einem mehr und mehr erkaltenden
Universum erlöschen.
Der Mythos der Ritter der Tiefe besaß also einen tiefen kosmologischen
Sinn. Nur der Erhalt und der Ausbau der positiven Kräfte garantierten
den Fortbestand des Universums. In dieser Erkenntnis spiegelten sich die
uralten Philosophien der Menschheit, bekam der ewige Kampf zwischen Gut und
Böse seinen endgültigen Sinn...
Rhodan begriff, was er doch für ein unglaublicher Narr gewesen war,
als er sich den Kosmokraten ganz nahe fühlte. Er war davon überzeugt
gewesen, unmittelbar vor der Lösung des Rätsels ihrer Existenz
zu stehen.
Nun begann er zu verstehen, wie unendlich weit er noch von der Wahrheit entfernt
war. Andererseits fühlte er sich diesen Kosmokraten eng verbunden, denn
auf ihrer Existenzebene verfolgten sie die gleichen Ziele wie die
Menschheit."
Unvergessen die Worte von Willi Voltz, die den Schluß des
Jubiläumsheftes "Der Terraner" bildeten:
Sein Name ist Perry Rhodan.
Er kennt die Verzweiflung, die Hoffnungslosigkeit, die Niedertracht, die
Angst, den Haß, den Neid und die Sinnlosigkeit.
Er kennt das alles aus eigener Erfahrung, denn er ist einer von vielen Milliarden
Menschen.
Er kennt aber auch die Hoffnung, den Mut, die Liebe, die Hilfsbereitschaft,
die Kreativität, die Größe und die Erfüllung.
Er kennt das alles aus eigener Erfahrung, denn er ist einer von vielen Milliarden
Menschen.
Er glaubt nicht, daß der Mensch ein Produkt des Zufalls in einem
chaotischen Kosmos ist.
Er glaubt, daß tief in jedem Menschen eine unstillbare Sehnsucht verankert
ist seine kosmische Bestimmung zu erfahren.
Er glaubt nicht, daß der Mensch über den Rand des Abgrunds
hinaustaumeln und auf einer von ihm selbst verwüsteten Erde untergehen
wird.
Er glaubt, daß der Mensch sich als Teil eines wunderbaren Universums
begreifen und voller Harmonie darin kann.
Perry Rhodan ist d e r Terraner.
Klarer geht's wohl nicht. Wenn einer der Expokraten glaubt, daß der
derzeitige Kurs auch nur im geringsten etwas mit dem Voltzschem Weltmodell
zu tun hat, dann soll er sich Band 1000 zu Gemüte führen. Es wird
derzeit zwar "erweitert", aber im selben Zug werden Tatsachen verfälscht,
ins Gegenteil umgedreht, kurzum: die Voltzsche Kosmologie wird verraten.
Fairerweise muß allerdings festgehalten werden, daß es zunächst
einmal Voltz selbst war, der seine eigene Konzeption verriet. Hatte Willi
Voltz in Band 1000 die Kosmokraten noch als Entitäten beschrieben, die
eigentlich jenseits des menschlichen Erkenntnisvermögens liegen, so
wurden sie ab Band 1100 als Wesen mit typischen menschlichen Eigenschaften
charakterisiert (durch das "Transformsyndrom" wurden etwa Taurec und Vishna
ihrer allmächtigen Eigenschaften "beraubt"). Logischerweise bekamen
sich auch bald Gegenspieler (Herr der Elemente, Xpomul). Aber interessanterweise
war der Herr der Elemente eine Ausgeburt der Negasphäre, die erst durch
die Abwesenheit des "Guten", das Verschwinden eines Kosmonukleotids, entstanden
war. In ähnlicher Weise waren in der Tiefe die Grauen Lords aus den
Raumzeit-Ingenieuren durch die Abwesenheit der Vitalkraft entstanden. Das
"Böse" war also ein Bestandteil des "Guten".
Das ähnelte dem kosmologischen Background des Star Wars - Universums:
Hier steht über allem steht mysteriöse "Macht": eine Kraft, welche
aus den Lebewesen des Universums stammt und die in ihrer Gesamtheit ein
universumumspannendes Energienetz bildet, welches das kosmische Gefüge
stabil hält. Alle Dinge des Universums sind durch die Kraft miteinander
verwoben (Speku: Könnte diese "Macht" identisch mit dem "GESETZ" sein,
das sich in den Kräften der Kosmonukleotide des Moralischen Codes und
des Pionischen Netzes manifestiert, also quasi ein Dick`sches "negentropisches
Wirbelfeld" als Ersatz für Gott?). Diese "Macht" wird von den sogenannten
Jedi-Rittern dazu benutzt, um das "Gute" im Kosmos durchzusetzen. Allerdings
müssen sich diese Ritter vor den dunklen Seiten der Macht hüten:
wenn sie sich negativen Kräften wie Aggression, Zorn, Haß oder
Neid hingeben, werden sie auf die böse Seite verschlagen. Diese Schicksal
ereilte einst auch den Vater von Luke Skywalker.
Es kann darüber spekuliert werden, ob Willi Voltz die Jedi-Ritter als
Vorbild für die Ritter der Tiefe genommen hat (Star Wars erschien im
Jahre 1976, die Ritter der Tiefe tauchten erstmals 1979 in der PR-Handlung
auf). Bei Voltz steckte das "Böse" in dem Menschen selbst und nicht
irgendwo außerhalb; das Böse war deswegen unter Kontrolle zu halten
"Vernichtet" werden kann es sowieso nie, da es ein Teil von uns ist. Die
Chaotarchen waren eher die "dunkle Seite" der Kosmokraten als eine
eigenständige Macht, gefallene Engel wie einst Luzifer.
Spätestens in PR-Heft 1100 wurde diese komplementäre Weltsicht,
die an die Yin-Yang-Philosphie des Taoismus erinnert, durch eine dualistisches
Auffassung ersetzt, das die Descartes`sche Aufspaltung der Welt in zwei
konträre Prinzipien widerspiegelt.
"Im Jahre 426 Neuer Galaktischer Zeitrechnung stellte sich das
überschaubare Universum als Schlachtfeld von ungeheuren Ausmaßen
dar, auf dem eine unvorstellbare Auseinandersetzung tobte. Die Mächte
des Chaos, von den Menschen lange Zeit als dominierend und unüberwindlich
angesehen, standen konstruktiven Kräften gegenüber. Der Kampf schien
seit Anbeginn des Kosmos zu währen - und nach menschlichen
Zeitmaßstäben bis in alle Ewigkeiten anzudauern...
Das Schlachtfeld und die darauf agierenden Wesen bildeten in jeder Beziehung
ein komplexes, unglaublich kompliziertes Labyrinth. In einem winzigen,
abgelegenen Seitengang dieses Labyrinths befand sich die Menschheit...
Aber irgendwo in diesem Labyrinth gab es einen Ausgang, und Perry Rhodan
war sicher, daß sie ihn eines Tages finden würden.
Dann, aber erst dann, würden sich Dinge wie die drei ultimaten Fragen,
die Kosmokraten und die Materiequellen wie Teile eines Puzzles
zusammenfügen.
Es war ein Augenblick, den Rhodan herbeisehnte wie nichts anderes, denn er
würde dann in der Lage sein, zumindest einen Teil jener Ordnung zu
begreifen, für die die Menschen kämpften. Er würde sie erblicken
wie ein Licht am Ende eines dunklen Tunnels und den Sinn der Schöpfung
erahnen."
(PR 1100: "Der Frostrubin" von William Voltz)
Ein kosmischer Kampf zwischen Gut und Böse - das war eher Fantasy als
Science Fiction. Und wie war das "Gute" zu beurteilen, wenn die zuständigen
Ordnungsmächte das Leben von Milliarden Individuen aufs Spiel setzten,
nur um ihren großen Plan zu verwirklichen (etwa als es darum ging,
den Bewohnern des Tiefenlandes eine neue Bleibe zu gewähren)?
Es war ein Fehler, die Kosmokraten / Chaotarchen in Form von humanoiden Wesen
zu beschreiben. Entitäten, die in kosmischen Dimensionen denken, sind
von der "beschränkten" menschlichen Perspektive aus nicht zu begreifen.
Eine kosmische Auseinandersetzung Ordnungskräfte - Chaosmächte
ist dem menschlichen Erkenntnisvermögen verschlossen.
Ich muß den heutigen Autoren und Expokraten gnädigerweise zugestehen,
daß sie ein Grundproblem der Serie richtig erkannt haben: die Existenz
eines kosmisches Überbaus, der die weitere Handlungsgestaltung ungemein
einschränkt. Terraner sind autonom und wollen selbst bestimmen, nicht
von irgendwelchen Mächten gegängelt werden. War nicht bereits die
Einführung der Existenz von übermächtigen Kosmokraten in ihrem
Reich jenseits der Materiequellen ein Fehler? Der Moralische Kode mit seinen
Kosmonukleotiden als "Software" (Schöpfungsprogramm) des Kosmos, die
Materiequellen als Generatoren der "Hardware" (Energie, Materie) des Universums
- wozu waren in einer solchen Kosmophilosophie überhaupt noch Kosmokraten
notwendig?
Die daraus resultierenden Probleme werden heute offenbar. So waren die
Kosmokraten ursprünglich "Manifestationen kosmischer Kräfte". Wenn
sie mittels des Ultimaten Stoffs die kosmischen Messenger beeinflussen
können, stellt sich die Frage: warum mischen sie sich dann noch in die
Niederungen des Universums ein? Wie sagte jemand im Galaktischen Forum: Warum
noch eine Birne herausdrehen, wenn man den Strom abstellen kann?
So wurde man die Geister, die man (das heißt: Willi Voltz) rief, nicht
mehr los. Nach der Rückführung des Frostrubins an seinen
ursprünglichen Standort traten die Kosmokraten / Chaotarchen zwar in
den Hintergrund, tauchten aber dennoch immer wieder an entscheidenden
historischen Stellen auf: im Universum Tarkan herrschte ein Chaotarch namens
Xpomul, der aus den Sieben Mächtigen dieses Kontinuums den Herrn Heptamer
und das Hexameron formte; Taurec entpuppte sich als Monos, der aus der
Milchstraße eine Horrorgalaxis machte; Taurecs Manipulationen an DORIFER
führten dazu, daß ES "wahnsinnig" wurde, die Zellaktivatoren
zurückbeorderte und sie an Linguiden weitergab; und ein achter
Mächtiger, sinnigerweise "Aachthor" genannt, sollte das von der Abruse
beherrschte Arresum mit seinem Sporenschiff beimpfen.
Wohin also mit den kosmokratischen Plagegeistern? Den Expokraten kam eine
vermeintlich glorreiche Idee: Um die zu neutralisieren, wurden "Thoregons"
konzipiert, Sphären von Absolutem Vakuum, auf die die Kosmokraten keinen
Einfluß nehmen konnten.
Aber warum sollen die Thoregons eigentlich besser oder "moralischer" sein
als die ursprünglichen Machthaber? Und was tun die freiheitsliebenden
Terraner: sie werden zum sechsten Volk von Thoregon, und der Rebell Perry
Rhodan wird (freiwillig) zum sechsten Boten. Uneingeschränkte
Solidarität also. Dabei legte doch Perry Rhodan anno dazumal den Status
als Ritter der Tiefe ab, damit die Terraner autonom und selbstbestimmt ihren
Weg gehen können.
Jetzt geistern neben den Kosmokraten und Chaotarchen noch viele
Thoregon-Sphären im Universum herum, jede mit einer unterschiedlichen
Philosophie. Immerhin ist uns die Philosophie der für die Milchstraße
zuständigen Thoregon-Sphäre bekannt:
Die Thoregon-Agenda lautet:
1. Thoregon schützt Leben und Kultur seiner Mitglieder
2. Der einzelne ist soviel wert wie das Kollektiv. Das Wohl des einzelnen
soll nicht für übergeordnete Ziele geopfert werden
3. Thoregon streitet für den Frieden
Die Thoregon-Agenda, der neue Weg der Menschheit? Eher ein Dokument postmoderner
Beliebigkeit, eine Metapher für die amerikanische Verfassung, die es
erlaubt, Vietnam und Afghanistan zum bombardieren, also "für den Frieden
zu streiten". Bedeutet "Frieden" nicht "Erweiterung der eigenen Macht und
Sicherung der eigenen Interessen". Orwells "Newspeak" läßt
grüßen.
Die Terraner erkennen, daß in der Vergangenheit die Errichtung eines
Thoregons in den meisten Fällen zu fürchterlichen Vernichtungen
und Katastrophen geführt hat. Ausgangspunkt eines Thoregons ist stets
solch ein riesiger Pilzdom, und ebenso steht ein seltsames Volk von Energiewesen,
die sogenannten Helioten, grundsätzlich im Zusammenhang mit einer
Thoregon-Gründung...
Handlungstechnisch stellt "Thoregon" einfach eine Erweiterung der ES-Geschichte
dar. Die Autoren versuchten sich aus der kosmologischen Umklammerung der
Kosmokraten und Chaotarchen zu lösen, und erfanden ein "stärkeres
ES", damit die Menschheit und die anderen Völker der Galaxis selbstbestimmt
und eigenverantwortlich existieren können.
Doch worin besteht der Vorteil der Thoregon-Konzeption gegenüber der
Voltzschen Kosmologie, die davon ausgeht, die Mächte der Ordnung das
Universum gegen Einwirkungen der Chaoskräfte schützen müssen,
damit das "Gute", eine "kosmische Harmonie", gewahrt bleibe?
Thoregon wird als "Dritter Weg" gegenüber Kosmokraten und Chaotarchen
dargestellt. In Heft 1987 ist zu lesen:
"Bei ESTARTUs ursprünglichem Dritten Weg gilt die Annahme als gesichert,
daß es sich um Ziele von einem hohen Abstraktionsgrad handelte, eingelagert
in kosmische Zusammenhänge, die der Menschheit zu keiner Zeit bekannt
wurden. Die Ziele der Koalition Thoregon hingegen konnten von jedem intelligenten
Lebewesen nachvollzogen werden. Thoregon war offenbar von Beginn an als ein
"Bündnis für jedermann" angelegt. Angesichts kosmischer
Entitäten, Jahrmillionen umfassender Pläne und eines Multiversums,
worin dem Menschen unter Umständen keinerlei Bedeutung zukommt, erscheint
dies heute noch als eine allemal ungewöhnliche
Design-Entscheidung."...
"Die Menschheit benötigte ein moralisch erfaßbares Ziel, für
das sie kämpfen konnte. Für die Menschheit war es
überlebenswichtig, auf der Seite des "Guten" zu stehen. Als Teil der
Koalition Thoregon konnte sie dies."
Man merkt: Thoregon ist eine äußerst dünne Konzeption,
vergleichbar könnte man behaupten, die NATO stellt den Kern einer neuen
Weltreligion dar. Und in der Tat: Thoregon hat nichts zu tun mit einer grandiosen
Kosmophilosophie à la Willi Voltz, sondern reduziert sich einzig und
allein auf eine Machtsphäre, deren Interessen im Zweifel auch
militärisch durchgesetzt werden. Dementsprechend stellt sich der gesamte
Kosmos als Schlachtfeld dar:
Der Kosmokrat Hismoom:
"Das Universum besteht aus einer Vielzahl von Universen. Eines dieser zahllosen
gleichwertigen Universen ist das eure, ihr Diener der Materie..."
"...und über das unendliche multiversale Spektrum führen die
Kosmokraten und die Chaotarchen einen Krieg. Die Kosmokraten stehen für
das Kosmische Prinzip der Ordnung. Die Chaotarchen verfechten das Ende aller
Struktur, die Verschmelzung des Universums zu einem thermodynamischen Chaos,
in dem eine Femtosekunde vor dem Untergang das GESETZ selbst seine Geltung
verliert...
Das wichtigste Hilfsmittel der Kosmokraten im Kampf gegen das Chaos ist die
Intelligenz. Zu diesem Zweck setzen wir Sporenschiffe ein, deren On- und
Noon-Quanten die Grundlagen des Lebens säen. Die Schwärme, von
unseren Helfern erbaut, tragen Intelligenz in die so vorbehandelten Quadranten
des Universums.
Wenn das Leben entstanden ist, beginnt häufig erst der Kampf. Dann
erscheinen die mächtigen Chaotender, die Werkzeuge der Chaotarchen,
und begeben sich in einen Kampf gegen die Kosmischen Fabriken. So geschehen
im Standarduniversum, in der Galaxis Kohagen-Pasmereix...In der Schlacht
von Kohagen-Pasmereix wurden sämtliche Chaotender vernichtet, die für
das Standarduniversum geschaffen wurden. Auch die Diener der Materie starben
in dieser Schlacht...
Die Abwesenheit der Chaotarchen muß mit der größten
möglichen Effizienz genutzt werden. Bis neue Chaotender geschaffen sind,
werden die Kosmischen Fabriken mit einer nicht selbstverständlichen
Leichtigkeit agieren können. Es sollte in dieser Zeit gelingen, die
Sättigung des Standarduniversums mit intelligentem Leben durch
Schwärme um minimal 0,5 Prozentpunkte voranzutreiben."
Samaho. Alles, was Hismoom zu ihnen sprach, klang zutiefst technisch, nicht
wie eine Philosophie, sondern wie eine beinahe ökonomische
Zielvorgabe..."
Und in dieser letzten Aussage steckt die Essenz des gegenwärtigen
Problematik hinsichtlich der PR-Kosmologie: während Voltz und Mahr
dynamische Konzepte aus der Biologie verwendeten, die gerade heute (Stichworte:
menschliches Genom, Gentechnologie) aktuell sind, benutzen die derzeitigen
Expokraten statische Konzepte aus der Mechanik.
Vom organischen Weltbild des Willi Voltz zum mechanischen Weltbild heutiger
Expokraten (d.i. vor allem Robert Feldhoff), also quasi zurück vom
Biotech-Zeitalter des 21. Jahrhunderts zum Industriezeitalter des 19.
Jahrhunderts. Die heute in der PR-Serie verwendeten Begriffe sprechen für
sich: Fabriken, Tender, Produktion von Ultimatem Stoff, (Kosmische) Ingenieure
als Erbauer der Fabriken: es handelt sich um Begriffsbildungen aus dem
Industriezeitalter. Wir befinden uns quasi in einem Hüttenwerk des 19.
Jahrhunderts, wo in einem Hochofen Eisen und Stahl produziert wird, der ultimate
Stoff der damaligen führenden Industrienationen.
Übrigens wurde schon vor einigen Jahren eine mechanistische Interpretion
des GESETZES in der Rhodan-Serie angerissen. Anläßlich der Ereignisse
um die Abruse, die die Trennwand zwischen Arresum und Parresum zu
durchlöchern versuchte, wurden weitere Hintergründe zur Dritten
Ultimaten Frage bekannt (PR 1744, S. 47):
"...Stellt sie euch als Räderwerk aus unzähligen Elementen vor,
die alle ineinandergreifen. Das Räderwerk ist dimensionslos, so daß
jedes Rädchen jederzeit in jedes andere greifen kann. Jedes Rädchen
ist ein eigener Baustein, eine eigene Regel, ein eigenes Gesetz; nur die
Gesamtheit aller Rädchen bewirkt die Stabilität des Universums."
Ob eine solche Interpretation der "Wahrheit" näher kommt als das organische
Konzept "Kosmonukleotide - Moralischer Code - Schöpfung?", wage ich
zu bezweifeln. Die Biologie bietet wohl doch mehr "Freiheitsgrade" als die
Mechanik.
Ich kann nicht erkennen, worin der Vorteil der "neuen Kosmologie" gegenüber
dem Voltzschen Ideengebäude liegen soll, außer daß mit neuen,
künstlich aus dem Hut gezauberten Antipoden der Stoff für eine
actionbetonte Handlung geschaffen werden soll. Die Diener der Materie, die
Oberbefehlshaber kosmokratischer Hilfskräfte im diesseitigen Reich,
kämpfen mit ihren Schlachtrossen, den Kosmischen Fabriken, gegen die
Chaotender mit ihren Architekten, die im Auftrag der Chaotarchen agieren.
Und die Sporenschiffe der Sieben Mächtigen, die Biophoren in Form von
On- und Noon-Quanten aus Panspermie-Gründen im Universums aussäen
(da gab es 1972 das Buch "Aussaat und Kosmos" von Erich von Däniken),
haben ihre Gegenspieler in Chaotendern wie ZENTAPHER, die "Nekrophoren"
ausstreuen, um Leben zu vernichten.
So heißt es weiter: "Ein Großteil der Kosmischen Ingenieure ging
daran, mit 35 anderen Völkern einen Sternenschwarm zu bauen. Dieses
Projekt war als "Phase Zwei" umschrieben und auf Initiative der Sieben
Mächtigen eingeleitet worden, die zuvor in der "Phase Eins" mit ihren
Sporenschiffen On- und Noon-Quanten über das Weltall verstreut hatten.
Nach Fertigstellung des Schwarms vollzogen die 36 Völker, die von sich
fortan als Querionen sprachen, gemeinsam die Vergeistigung."
Die Aufgaben des Chaotenders sind:
Erstens, gegen die Kosmokraten und der Vertreten und Hilfsvölker zu
kämpfen.
Zweitens, alle erreichbaren Daten über das GESETZ und den Moralischen
Kode zu sammeln. Denn wer das GESETZ versteht und kontrollieren kann, der
beherrscht auch das Multiversum.
Drittens ist ein Chaotender das chaotarchische Gegenstück zu den
kosmokratischen Sporenschiffen. Und wie die Sporenschiffe die Aufgabe haben
Leben im Universum zu säen, hat ein Chaotender dafür zu sorgen,
Leben zu vernichten.
Die Nekrophoren können über die Beeinflussung von Psiqs in
Kosmonukleotiden potentielle künftige Entwicklung verhindern oder auch
direkt in den jeweiligen Galaxien alles Leben auslöschen.
Das Gleichgewicht des Schreckens reicht noch weiter: da karrten die Kosmokraten
eine Materiequelle und die Chaotarchen eine Materiesenke aus weit entfernten
Gegenden extra nach Erranternohre.
Also: Ein kalter oder heißer Krieg, je nachdem, zwischen zwei
Supermächten, wie weiland auf der guten alten Erde.
Wir hatten eine solche Phase auch schon mal in der PR-Serie, etwa zwischen
den Heftnummern 1180 und 1250. Auf der einen Seite die Kosmokraten mit der
Endlosen Armada, auf der anderen Seite die Chaosmächte mit dem Dekalog
der Elemente, die die Rückführung des Frostrubins zu verhindern
suchten. Als "Bonbon" gab es nun ein "Wiedersehen" mit den Elementen der
Finsternis und der Technik oder den drei Basen des Dekalogs BRÜTER,
LAGER und VERSTÄRKER.
Die Autoren leisten hier gute Arbeit in einer "Erweiterung" der bisherigen
Konzeption. Nur glaube ich, daß sich die Serie bereits damals in einer
Sackgasse befand, und es ist zu befürchten, daß sie sich immer
weiter in dieser Sackgasse verirrt.
In Heft 2093 findet sich folgender Monolog von Kintradim Crux:
"Aber ich begann den tieferen Sinn meiner Tätigkeit insgesamt zu begreifen.
Das Leben war ein für die kosmische Ordnung fördernder Faktor.
Und in dem Maße, wie die Kosmokraten das Leben im Universum gesät
hatten, war dies ein für die Chaotarchen bedrohlicher Faktor. Wenn ich
nun regulierend eingriff, und mittels der Nekrophore für den Megatod
sorgte, war dies immer auch ein Schlag gegen die Kosmokraten. So einfach
war diese Formel."
"Diese Formel ist inzwischen allerdings längst veraltet", berichtigte
mich Zen-Skogo. "Die Kosmokraten verbreiten Leben im Universum längst
nicht mehr mit der Konsequenz wie einst. Diesem Umstand haben sich die
Chaotarchen angepaßt und setzten die Nukleotide Pest deshalb nicht
mehr so zielstrebig ein wie früher. Der Krieg Chaos gegen Ordnung hat
sich mittlerweile längst auf andere Schlachtfelder verlagert."
"Und welche Schlachtfelder soll man sich darunter vorstellen?"
Aber Zen-Skogo blieb mir die Antwort schuldig.
Läuft die gegenwärtige langfristige Konzeption der Expokraten darauf
hinaus, daß sich Kosmokraten und Chaotarchen in einer finalen
Armageddon-Schlacht gegenseitig vollständig vernichten, und kommen dabei
auch Anti-Nukleotide zum Einsatz, die den Moralischen Kode in einer Art
Kettenreaktion zum Einsturz bringen? Übrig blieben dann nur noch Thoregons,
die sich von nun an ja ebenfalls gegenseitig bekämpfen könnten
- wäre zumindest ein zusätzliches Spannungselement in der Serie.
Oder gibt es bis in ferne Zukunft eine "friedliche Koexistenz" zwischen
Kosmokraten/Chaotarchen und Thoregons? Nun, in der Realität endete eine
solche Koexistenz spätestens mit dem Fall der Berliner Mauer.
Klaus Frick hat recht, wenn er immer wieder betont, daß PR eine
Heftromanserie ist, die von farbenprächtigen, actionreichen
Weltraumabenteuern lebt. Es steht auch außer Zweifel, daß den
Autoren dies auch in unseren Zeiten gelingt. Den früheren Atlan-Autoren
gelang dies nicht, sie verstrickten sich in kosmologischen Verkrampfungen,
die nach 850 Heften zur Einstellung der Serie führte.
Aber es hapert derzeit bei PR mit dem kosmologischen Überbau, wie ich
weiter oben erläutert habe. Willi Voltz hätte dieses "Problem"
(das heißt: die Antwort auf die Dritte Ultimate Frage nach dem GESETZ)
schon in den 80er Jahren lösen sollen. Dann wäre dieser Fragenkomplex
abgeschlossen gewesen und man hätte sich neuen Themenbereichen zuwenden
können. Die Lösung hätte sicherlich auch nicht zum Ende der
Serie geführt. Heute, im 21. Jahrhundert, sich mit solchen uralten Fragen
aus der Serienvergangenheit gegeben werden, das ist fast anachronistisch.
Ich fürchte, ähnlich wie die Leser irgendwann der Kosmokraten
überdrüssig wurden, werden sie bald auch die Kosmonukleotide satt
haben.
Aber wenn dennoch eine Antwort gegeben wird, soll sie elegant und
ästhetisch sein. Der Bauklotz-Materialismus des derzeitigen
"mechanistischen" Überbaus wirkt sehr hölzern gegenüber der
eleganten Voltzschen "organischen" Konzeption. Voltz muß nicht das
letzte Wort sein, aber die "Lösung" sollte eine gewisse Eleganz und
Ästhetik besitzen.
Werner Heisenberg meinte: "Wenn man durch die Natur auf mathematische Formen
von großer Einfachheit und Schönheit geführt wird, so kann
man eben nicht umhin zu glauben, daß sie "wahr" sind, das heißt,
daß sie einen echten Zug der Natur darstellen...Sie können mir
vorwerfen, daß ich hier ein ästhetisches Wahrheitskriterium verwende,
indem ich von Einfachheit und Schönheit spreche. Aber ich muß
zugeben, daß für mich von der Einfachheit und Schönheit des
mathematischen Schemas, das uns hier von der Natur suggeriert worden ist,
eine ganz große Überzeugungskraft ausgeht. Sie müssen das
doch auch erlebt haben, daß man fast erschrickt vor der Einfachheit
und Geschlossenheit der Zusammenhänge, die die Natur auf einmal vor
einem ausbreitet und auf die man so gar nicht vorbereitet war..." (aus "Der
Teil und das Ganze")
Die Antwort kann nur beinhalten, daß die Reiche diesseits und jenseits
der Materiequellen in einer innigen Beziehung stehen, komplementär sind,
und daß dies auch für das Verhältnis von Menschen (oder anderen
Wesen dieses Universums) und den Kosmokraten gilt.
Ein Vergleich mit unserer "Realität": Die Urknall-Hypothese ist so voller
Widersprüche, daß sie von ihren Anhängern durch immer neue
Zusatzannahmen ("kosmische Inflation", "kosmologische Konstante", "dunkle
Energie") gerettet werden muß. Und immer wieder nagen Zweifel am wahren
Charakter dessen, was die Astronomen und Astrophysiker erforschen. Ist vielleicht
alles nur eine gewaltige Täuschung? Leben wir in einer Art kosmischen
platonischen Höhle, in der wir nur die Schatten der Wirklichkeit sehen,
Seifenblasen im All, die eines Tages zerplatzen, wenn wir die Gruft unserer
Selbstbeschränkung verlassen und das wahre Gesicht des Universums dereinst
erblicken?
In den Upanishaden wird der Gedanke der Einheit von Atman, der universellen
Kraft, die in jedem Einzelnen wohnt, und Brahman, dem schöpferischen
Gesetz der Welt, immer wieder durchgespielt. Jenseits von Raum und Zeit,
jenseits der verschiedenen Elemente der Natur und der Vielfalt der Götter,
jenseits der Trennung von Einzelmensch und Welt, so lautet der Kern der Lehre,
ist alles eins.
Thoregon ist ein verkrampfter Ausweg; sicherlich ein redlicher Versuch, aber,
wie gesagt, ohne Eleganz und Ästhetik, weder im
naturwissenschaftlich-logischen noch im "künstlerischen" Sinn.
Der kosmologische Überbau der PR-Serie wirkt zunehmend konstruiert.
Alles, was "oberhalb" oder "jenseits" der Materiequellen liegt, ist
"transzendentaler Schein". Man sollte nicht versuchen, mit Konstruktionen
wie Kosmokraten, Chaotarchen oder Thoregons hier einen "Sinn"
hineinzuinterpretieren, das Ganze läuft doch nur auf eine banale
Übertragung kriegerischer irdischer Konflikte in eine höhere
Sphäre hinaus. Die Lösung des Problems liegt in einer neuen Sicht
der Dinge, nicht in einer Verkomplizierung kosmologischer Machtstrukturen,
die nur ein Abbild irdischer sind.
Das andere Grundproblem ist, daß sich die Serie in solche "Höhen"
technologischer Potenz und naturwissenschaftlicher Erkenntnis (Hyperphysik)
geschwungen hat, daß ein wesentliches Element der Science Fiction,
nämlich die Science, inzwischen zu kurz kommt. Wenn die Technik zum
Märchen geworden ist, werden die Erklärungsversuche
überflüssig. Aber wir sind eben noch nicht in einem solchen
märchenhaften Zeitalter angekommen. Um heutige aktuelle Entwicklungen
und daraus resultierende gesellschaftliche Veränderungen zu reflektieren,
ist die Serie schon zu weit "abgehoben". Und damit vergeben sich die Autoren
ein wichtiges Spannungselement und eine "Leserbindung": ich denke, daß
auch heute noch viele Jüngere über ihr Interesse an Naturwissenschaft
und Technik zur SF finden. Und wenn sie dann keine "Science" finden, wenden
sie sich schnell wieder ab...
Also: Back to the "Science", weg von hemmungslosen kosmologischen oder
technologischen Spekulationen wie zu Zeiten von E.E. Doc Smith mit seinem
Lensmen-Zyklus.
Noch ein Wort zum PR-Heft 2093 "Requiem für einen Ewigen" von Ernst
Vlcek. Ein Horrorband auf dem Niveau von Hannibal Lecter, der lebendigen
Menschen die Schädelecke öffnet und deren Gehirn verspeist.
Eine Passage aus dem Roman:
"In Kintradims Heim trafen aber nur noch sieben solcher Monstren ein, in
denen noch diese unerklärliche Lebenskraft war. Die anderen waren
abgestorben, nur noch verwesende Klöße. Ich forderte von den
Alpha-Ingenieuren Überlebenstanks an und ließ sie die Monstren
darin unterbringen. ...
Es war auf die Dauer unbefriedigend, daß diese Biozid-Mutanten reglos
in ihren Tanks trieben und gar kein Lebenszeichen von sich gaben.
Das brachte mich auf die Idee, sie durch Impulse zu reizen und zu Reaktionen
zu zwingen. Ich experimentierte lange herum, bis ich herausfand, daß
sie auf Schmerz am heftigsten reagierten...
Die Biozid-Mutanten blühten in ihren Tanks förmlich auf, wenn ich
sie mit Schmerzimpulsen berieselte. Sie verfielen regelrecht in Verzückung,
so schien es mir, wenn ich sorgsam abgestimmte Schmerzwogen über sie
hinwegrollen ließ. Das peitschte ihre Körper auf, sie führten
geradezu Tänze auf. Und dazu sangen sie melancholische Klagelieder."
Soll man sich da moralisch entrüsten oder sich der dunklen Phantasien
seiner eigenen schwarzen Seele erfreuen? Wir sollten uns mal fragen, ob wir
nicht alle pervers geworden sind. Das Böse rast mit Passierflugzeugen
in das World Trade Center - wir sind geschockt. Aber diese realisierten
Wahsinns-Phantasien haben ihre Ursprünge. Wie hätten wir uns alle
aufgegeilt, wenn diese Szenen nicht in der Realität, sondern in einem
Hollywood-Film abgelaufen wären. Roland Emmerich hatte es uns in
"Independence Day" bereits vorgeführt.
Hiernoymus Bosch hatte in seinem Triptychon "Der Garten der Lüste" diese
Entwicklung vor einem halben Jahrhundert vorausgesehen. Der Mensch, aus dem
Paradies vertrieben, gibt sich der Wollust her, dem Tanz ums Goldene Kalb,
um schließlich in der Hölle zu landen. Unter monströsen Wesen
und apokalyptischen Apparaturen muß er Höllenqualen leiden.
Eine Metapher für die heutige Situation? Das World Trade Center als
moderner Turm zu Babel?
Ernst Vlcek hat den Roman sicherlich vor dem 11. September verfaßt
und wohl nicht geahnt, wie realistisch die Bedrohung durch biologische Waffen
geworden ist.
"Die faßartigen Behälter wurden Nekrophore genannt. Jede Nekrophore
enthielt Aberbillionen von Koagulaten, die ihrerseits wiederum aus Ballungen
von bis zu vierzig Milliarden Bioziden bestanden - so daß sich eine
unvorstellbare Zahl an absolut tödlichen Partikeln ergab.
Biozide waren "antipsionische Wirkungsquanten" und waren verwandt mit dem
Nega-Psi, das zu den Waffen der Chaotarchen gehörte. Es handelte sich
um eine negative psionische Kraft in Form von "psionischen Wirbelfeldern",
die den psionischen Kraftfeldlinien des Standarduniversums "nagten", sie
"auffraßen" und sie - unter den Begleiterscheinungen von Schockimpulsen
- auflösten.
Kintradim suchte den charakteristischen Psiq in DORIFER auf und erreichte
so jene Galaxis, in der sich eine für die Chaotarchen unerwünschte
Entwicklung anbahnte. Er wurde zum Henker einer ganzen Galaxis. Am Ziel
angelangt, betätigte er den Öffnungsmechanismus der Nekrophore,
so daß die unzähligen Koagulate aus dem Behälter entweichen
und ins All strömen konnten. Die Koagulate entmaterialisierten mit dem
optischen Effekt eines Funkenregens.
Die Koagulate bewegten sich nach ihrer Materalisierung überlichtschnell
entlang den Gravitationslinien der Galaxis. Sie traten stets dort wieder
in das vierdimensionale Kontinuum ein, wo cih große Mengen an Vitalenergie
ballten - in der Regel handelte es sich dabei um von Intelligenzwesen besiedelte
Planeten.
Die Koagulate aus Bioziden orientierten sich nach den am höchsten
entwickelten Wesen dieser Welt. Diese wurden als Ziele identifiziert. Jedes
Biozid koppelte sich daraufhin an eines der identifizierten Lebewesen und
bewirkte eine spontane Auslöschung jeglicher Vitalenergie. Das hatte
zur Folge, daß jedes von einem Biozid befallene Lebewesen einer
unkontrollierten, spontanen Mutation unterlag, die unweigerlich mit dem Tod
endete.
In diesem Fall mit milliarden- und abermilliardenfachem Tod.
Ich wiederholte den Vorgang innerhalb des ausgewählten Psiqs noch mehrfach.
Bis die Nekrophore leer war und ich sicher sein konnte, daß dieses
Psiq unbrauchbar geworden war.
Ich hatte für die Chaosmächte meinen ersten Sieg eingefahren. Ich
war der Vater der DORIFER-Pest.
Meine Tätigkeit als "Entsorger" von Leben beschränkte sich nicht
allein auf DORIFER und andere Kosmonukleotide. Eines Tages bekam ich sogar
den Auftrag, eine Galaxis zu entvölkern, die in der Realität
längst ihren festen Platz hatte.
Dieser Spiralnebel namens Orkaru-Creer besaß eine Allianz aus
Völkern, die ein besonders enges Verhältnis zu den
Ordnungsmächten hatten. Diese Organisation hatte es sich zum Ziel gemacht,
die Negasphäre zu eliminieren."
Kintradim führte den Auftrag aus... Später heißt es:
"Der Gedanke erfüllte ihn mit dem Vorgeschmack eines Triumphes
sondergleichen und erregte ihn über die Maßen. Es wäre eine
ungeheure Genugtuung, mit ZENTAPHER in die Milchstraße zu fliegen,
den Ort seiner größten Niederlage, und dort eine Nekrophore zu
öffnen. Wie würde er sich an dem Anblick des galaxisweiten Sterbens
weiden!"
Ernst Vlcek hat mit Band 2093 einen Roman geschrieben, der durch die aktuellen
Ereignisse eine Umdeutung erfahren wird. Eine Horrorstory in kosmologischem
Maßstab, andererseits aber auch die Frage, in wie weit Gewalt in solch
expliziter Form dargestellt werden darf. Oder sind wir bereits immun geworden
gegen die Toten vom World Trade Center oder Afghanistan? Ein großartiger
Roman, zugleich aber auch grauenvoll.