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Das Geheimnis der Region jenseits der Materiequellen und von ES und die Antwort auf die Dritte Ultimate Frage
von Dr. Robert Hector
Der Unterzyklus „Seelenquell“ behandelt die Konsequenzen der in den Heften 2049 und 2050 beschriebenen Ereignisse. Die Superintelligenz SEELENQUELL hat sich im Arkon-System eingenistet, kann aber ihr volles Potential noch nicht entwickeln, weil sie zuerst noch „wachsen“ muß. Lassen wir uns also von dem tausendsten Wiederaufguss des Konzepts: „Tapfere Terraner kämpfen gegen eine anfangs übermächtige Wesenheit (oder Volk) und erringen dann am Schluß einen heroischen Sieg“ überraschen.
Diese Entwicklung ist eine Konsequenz von Rhodans Pakt mit dem Teufel: Die Kosmokraten lassen das neu entstandene Thoregon mitsamt den entsprechenden Galaxien in Ruhe, und Thoregon verzichtet auf Expansion. Hismoom prophezeite in diesem Zusammenhang ein Jahrtausend der Kriege.
Inzwischen sind die beiden Monochrom-Mutanten Trim Marath und Startac Schroeder im Land Dommrath angekommen, auf dem Planeten Chirittu. Sie werden Zeuge erbarmungsloser Schlachten, bei denen aber anscheinend nur Roboter eingesetzt und nur Industrieanlagen zerstört werden.
Die herrschende Instanz im Land Dommrath sind die „Ritter von Dommrath“. Es gibt keine Raumfahrt, da diese von den Rittern verboten wurde. Statt dessen wurde ein auf Knoten und Portalen basierendes Transmittersystem erbaut, das Dommrathsche Netz bzw. Do`Tarfryddan.
Die Ritter haben mit ihren Ritterschiffen und der in ihrem Auftrag handelnden „Legion“ das Technologie- und Gewaltmonopol in der gesamten Sterneninsel.
In der Northside der Galaxis hat sich die „Astronautische Revolution“ ausgebreitet, unter dem Befehl von Ruben Caldrogyn. Diese Bewegung wendet sich gegen die Bevormundung der Ritter und fordern eine freie Nutzung der Raumfahrt.
Insgesamt aber scheint das Land Dommrath ein Utopia zu sein: Der Friede ist das höchste Gut, die Freiheit der Bewohner soll sowenig wie möglich eingeschränkt werden, und die Stabilität des Wohlstands soll nicht gefährdet werden. Aber das Paradies scheint auch seine Tücken zu haben. Der Druide Kaifan berichtet von einer Seuche und einer explosiven Zelldeformation.
Die Leser wissen auch, daß Dommrath früher Pooryga hieß. Die Ritter residieren im Crozeiro-System, vormals das Heimatsystems des späteren Dieners der Materie Torr Samaho. Torr Samaho wirkte beim Entstehen des neuen Ordens der Ritter der Tiefe von Khrat mit und überwachte die Arbeiten der Porleyter bei der Verankerung des Frostrubins.
Die Porleyter kämpften bis vor 2,2 Millionen Jahren im Auftrag der Kosmokraten für die Ordnung innerhalb des Universums. Sie waren damit die Vorläufer der Ritter der Tiefe. Vor 2 Millionen Jahren, nach der Verankerung des Frostrubins, zogen sie sich von der kosmischen Bühne zurück; einige ihrer Waffen und Einrichtungen wurden jedoch bis in die jüngste Zeit benutzt.
Die Ritter der Tiefe sind ein uralter Wächterorden, der im Auftrag der Kosmokraten für die positive Entwicklung des Universums kämpfte. Die angehenden Ritter erhielten im Dom Kesdschan auf dem Planeten Khrat in der Galaxis Norgan-Tur die Ritterweihe.
Man merkt: hier wird das bekannte kosmologische Weltmodell von Willi Voltz „vorsichtig“ erweitert. Das Problem dabei ist: ursprünglich besaßen Kosmokraten und Ritter der Tiefe die Aura des Guten, und nun sind sie plötzlich die Bösen. Da hierzu eine positive Gegenkraft notwendig ist, wurde „Thoregon“ konstruiert, der Versuch von sechs Superintelligenzen in einem Absoluten Vakuum, sich aus der Knechtschaft von Kosmokraten, Moralischem Code und GESETZ zu befreien. Und was tun die Terraner: Kaum haben sie sich der Gefolgschaft von den Kosmokraten losgesagt, begeben sie sich freiwillig in die Knechtschaft von Thoregon (Perry Rhodan als sechster Bote).
Dabei hat Willi Voltz zu seiner kosmologischen Konzeption um Materiequellen, Kosmonukleotide und den Moralischen Code klare Aussagen gemacht, wie sie klarer nicht sein können. Schauen wir uns hierzu einige Passagen aus Band 1000 an:
„Eine Superintelligenz wird stets bemüht sein, ihre Mächtigkeitsballung zu stabilisieren und auszubauen...Dies gelingt nur, wenn die positiven Kräfte in einem solchen Bereich vorherrschen. Sobald negative Kräfte die Oberhand gewinnen, beginnt die Mächtigkeitsballung in sich zusammenstürzen...Der Zusammenbruch einer Mächtigkeitsballung führt zwangsläufig zur Bildung einer Materiesenke...
Eine Mächtigkeitsballung, die sich zum Positiven hin entwickelt, wird sich früher oder später in eine Materiequelle verwandeln. Für die Superintelligenz ist dies der nächste Schritt der Evolution...In ihrer neuen Zustandsform übernehmen die Superintelligenzen die Garantie für den Fortbestand des Universums, denn sie bringen immer wieder neue Energie und damit Materie hervor. Die weiterentwickelten Superintelligenzen bilden in ihrer neuen Daseinsform gleichzeitig Tore auf die andere Seite...
Irgendwann endet auch der Zustand der Materiequelle - sie wird zu einem Wesen oder zu einer Macht, die wir unter dem Begriff „Kosmokraten“ kennen...“
„...für das Gebiet jenseits der Materiequellen reicht auch mein Begriffsvermögen nicht aus“, gab ES zurück. „Was danach kommt ? Ich weiß es nicht, aber es kann nicht die letzte Stufe der Entwicklung sein. Die Kosmokraten versuchen alles, um die Entwicklung weiterer Materiequellen zu sichern. Stell dir vor, was geschähe, wenn sich nur noch Materiesenken bilden würden - fehlgeschlagene, verlorene Superintelligenzen, ohne jede Chance, jemals auf die andere Seite zu gelangen. Die Kosmokraten wären dann von der Evolution abgeschnitten. Ich fürchte, das wäre das Ende des Universums.“
„Nach allem, was er (Perry Rhodan) nun erfahren hatte, mußte er diese Legende („Wenn der letzte Ritter der Tiefe gegangen ist, werden alle Sterne erlöschen) in einem völlig anderen Licht sehen. Der Wächterorden war von den Kosmokraten initiiert worden. Die Ritter der Tiefe hatten sich überall im Universum für die positiven Kräfte eingesetzt und dabei, ohne es zu wissen, zur Stabilisierung und Erhaltung von Mächtigkeitsballungen beigetragen. Ohne die Weiterentwicklung von Mächtigkeitsballungen konnte es keine Materiequellen mehr geben - und ohne diese würde das Universum keine neuen Energien mehr erhalten: Die Sterne würden in einem mehr und mehr erkaltenden Universum erlöschen.
Der Mythos der Ritter der Tiefe besaß also einen tiefen kosmologischen Sinn. Nur der Erhalt und der Ausbau der positiven Kräfte garantierten den Fortbestand des Universums. In dieser Erkenntnis spiegelten sich auch die uralten Philosophien der Menschheit, bekam der ewige Kampf zwischen Gut und Böse seinen endgültigen Sinn. Materiequellen und Materiesenken waren der Ursprung in der Polarisierung dieses Universums, die sich auf alle Bereiche erstreckte.
Das gesamte Universum war Ort einer immerwährenden unvorstellbaren Auseinandersetzung. Die Menschheit erlebte lediglich einen winzigen Ausschnitt in diesem Ringen, und sie war aufgerufen, das Ihrige dazu beizutragen, um eine Mächtigkeitsballung zu erhalten, die einmal eine Materiequelle werden sollte.
Rhodan begriff, was er doch für ein unglaublicher Narr gewesen war, als er sich den Kosmokraten nahe gefühlt hatte. Er war davon überzeugt gewesen, unmittelbar vor der Lösung des Rätsels ihrer Existenz zu stehen.
Nun begann er zu verstehen, wie unendlich weit er noch von der Wahrheit entfernt war. Andererseits fühlte er sich diesen Kosmokraten eng verbunden, denn auf ihrer Existenzebene verfolgten sie die gleichen Ziele wie die Menschheit.“
Wenn man jetzt noch das Faktum nimmt, daß die Kosmokraten Hüter des Moralischen Codes und damit des kosmischen Schöpfungsprogramms, bestehend aus der Doppelhelix aus Kosmonukleotiden, waren, dann ergibt sich eine grandiose Konzeption, die fast schon vollendet erscheint. In der Dritten Ultimaten Frage nach dem GESETZ geht es um den Ursprung und des Ziel dieser Schöpfung. Literarische Vorbilder waren der Roman „Star Maker“ von Olaf Stapeldon sowie das Werk von Pierre Teilhard de Chardin(„Der Mensch im Kosmos“, „Die Entstehung des Menschen“). Letzterer suchte eine Theorie zu entwickeln, in der Religion und die moderne, von Naturwissenschaft geprägte Welt vereinen wollte. Im Kosmos existiert eine Gegenkraft zur Entropie. Die Menschheit, deren geistige Substanz die „Noosphäre“ bildet, strebt gemeinsam mit allen anderen Bewusstseinen des Kosmos dem so genannten „Omega-Punkt“ zu, dem Konvergenzpunkt am „Ende der Welt“. Das Ende der Welt: ein Umsturz des Gleichgewichts, der den endlich vollendeten Geist aus einer materiellen Hülle löst, um ihn künftig mit seiner ganzen Schwere auf Gott-Omega ruhen zu lassen.
Die Evolution kann demnach als ein Entwicklungsprozess beschrieben werden, in dessen Verlauf der Kosmos mit jenem geistigen Prinzip zu verschmolzen begonnen hat, das die Voraussetzung für seine Entstehung gewesen ist und für die Ordnung, die sich im Ablauf seiner Geschichte entfaltet. Wir können sagen, daß die Geschichte des sich evolvierenden Kosmos die Geschichte dieser Verschmelzung ist.
Ein aus „Bewußtseinsstoff“ bzw. „geistiger Substanz“ bestehendes Universum, das sich selbst vollendet - das Ziel der Schöpfung, des GESETZES ? Die Beschleunigung von Leben und Intelligenz mittels Sporenschiffen und Sternenschwärmen - diese Geheimnisse der Rhodan-Serie erhalten hier ihre tiefere Bedeutung.
Dieses Thema wird in unserer Realität bereits von durchaus erstzunehmenden Kosmologen diskutiert. Das Universum ist nach gängiger Meinung aus einem Urknall hervorgegangen, aus einer Singularität mit unendlich hoher Energie- und Informationsdichte. Allein aus dieser Tatsache heraus ergibt sich die Einheit der Natur.
Die „Quantenkosmologie“ ist ein neues Teilgebiet der Physik, in dem versucht wird, die Quantentheorie auf das Universum als Ganzes anzuwenden. Im Augenblick seiner Entstehung war das Universum sehr klein, so daß in dieser Phase Quanteneffekte vorherrschten.
Dieses Mikro-Universum läßt sich wie ein Elektron als Quantengebilde betrachten. Quantenmechanisch liegen Elektronen in mehreren Energiezuständen gleichzeitig vor; sie existieren in mehreren Parallelzuständen zur gleichen Zeit, und sie können ungehindert zwischen den verschiedenen Zuständen wechseln.
Ähnlich wie ein Elektron kann das Universum dementsprechend gleichzeitig in Form mehrerer paralleler Quantenzustände oder „Paralleluniversen“ existieren - aus dem Universum wird das „Multiversum“.
Demnach war am Anfang der Welt überhaupt nichts, kein Raum, keine Zeit, weder Energie noch Materie. Nur das Quantenprinzip war da, das besagt, daß es eine Unschärfe geben muß. Das Nichts war also instabil, aus dem Nichts konnte durch eine Quantenfluktuation ein „Etwas“ emanieren.
Stephen Hawking glaubt, daß die Quantenfluktuationen Miniaturbläschen erzeugen, die sich zu Universen aufblähen könnten. Möglicherweise wurde auch unser Universum auf diese Weise erschaffen, als ein winziger Funke, ausgeschleudert von einem früheren Kosmos. Jeder neue Kosmos würde seinerseits unzählige Universen erschaffen, und so weiter, bis ein unendlich komplexes Filigranmuster knospender Weltenräume existieren würde.
Die Quantenkosmologie ist ein Versuch, die Kosmogonie, das heißt die Theorie vom Ursprung und Werden des Kosmos, der wissenschaftlichen Untersuchung zugänglich zu machen. Sie bezieht sich auf die frühesten Epochen um und vor der Planck-Zeit (etwa 10-43 Sekunden nach dem Urknall). Die Quantenmechanik auf den Kosmos anzuwenden, heißt, daß sowohl die Materiefelder (wie etwa das Skalarfeld, das für das inflationäre Modell gebraucht wird) als auch das Gravitationsfeld selbst quantisiert werden müssen.
Dazu muß man zunächst eine Methode der Quantisierung des Gravitationsfeldes heranziehen, die kanonische Quantisierung genannt wird. Dabei werden zunächst die Hamiltonsche Formulierung von Feldtheorien betrachtet und dann auf die Gravitationstheorie angewendet.
Die Hamiltonsche Formulierung einer Feldtheorie geht zunächst von der Aufspaltung des Ereigniskontinuums im Raum und Zeit aus. Über die Analyse von kanonisch-konjugierten Feldern und Lagrangedichten gelangt man zu Betrachtungen von skalaren und elektromagnetischen Feldern im Minkowski-Raum und schließlich zu einer Hamiltonschen Formulierung der Vakuum-Elektrodynamik, die frei von Zwangsbedingungen ist.
Nächster Schritt ist die Hamiltonsche Formulierung der Einsteinschen Gravitationstheorie ohne materielle Quellen. Hier spielen die lapse-Funktion, der shift-Vektor und Langrangemultiplikatoren eine Rolle. Durch infinitesimale Koordinatentransformation auf Hyperflächen wird die Raum-Zeit-Metrik verändert; dazu muss man auf dem Konfigurationsraum der Äquivalenzklassen von diffeomorphen Metriken, dem sogenannten „Superraum“, arbeiten. Auf diesem Weg nähert man sich dem Anfangswertproblem der Einsteinschen Vakuumfeldgleichungen.
Entstand das Universum aus dem Nichts, durch einen quantenmechanischen Tunneleffekt oder eine Vakuumfluktuation? Ist dies das Äquivalent zu Gottes geistigem Akt der Erschaffung der Welt mit den Worten „Es werde Licht“? Die Trennung von Licht und Finsternis durch einen Demiurgen - ein quantenmechanischer Schöpfungsprozeß, bei dem Photonen aus dem Vakuum emanieren? Und findet als Analogon zur Evolution in unserem Universum wie in der manichäischen Lichtphilosophie ein permanenter Kampf zwischen geistigem Licht und lähmender Finsternis statt?
Wir wollen Mathematik und Philosophie nicht zu sehr miteinander vermengen, aber es bleibt festzuhalten, daß der Kosmos von einem geistigen Prinzip durchdrungen zu sein scheint - auch wenn dieses Geistprinzip ein mathematisches Kalkül ist.
Und nun kommen ein paar kleine Expokraten daher und wollen das kosmologische Konzept von Willi Voltz relativieren und umwerfen, mit einem kümmerlichen, unlogischen und überflüssigen Konstrukt namens Thoregon. Eine Anmaßung sondergleichen ist das, eine Gotteslästerung. Bei der Konstruktion „Thoregon“ wackelt es im Gebälk. Und das Grundproblem geht auf Willi Voltz zurück.
Da hatte sich der gute Willi irgendwann das Konzept der Kosmokraten ausgedacht, die in einer Region „jenseits der Materiequellen“ residieren sollten. Wiederholen wir noch einmal eine wichtige Passage aus Band 1000:
„Rhodan begriff, was er doch für ein unglaublicher Narr gewesen war, als er sich den Kosmokraten nahe gefühlt hatte. Er war davon überzeugt gewesen, unmittelbar vor der Lösung des Rätsels ihrer Existenz zu stehen.
Nun begann er zu verstehen, wie unendlich weit er noch von der Wahrheit entfernt war. Andererseits fühlte er sich diesen Kosmokraten eng verbunden, denn auf ihrer Existenzebene verfolgten sie die gleichen Ziele wie die Menschheit.“
Das ist der entscheidende Punkt: das Wesen der Kosmokraten ist dem Menschen unbegreiflich, der Mensch soll sich eben kein Bild von den Göttern machen. Dennoch beging Voltz mit Band 1100 diesen fatalen Fehler: Mit der Einführung von Taurec und später Vishna vermenschlichte er diese Entitäten, die eigentlich jenseits menschlicher Vorstellungskraft stehen sollten. Da half auch ein Transformsyndrom wenig. Taurec und Vishna als Liebespaar - das war einfach zu viel, da hieß es bei den Lesern nur noch: Kosmokraten - nein danke ! Und dann wurde auch noch Si Kitu als „Mutter der Entropie“ postuliert - ein Wesen als Manifestation des Zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik - unglaubwürdig.
Anstatt spätestens hier die Notbremse zu ziehen, wurden auch noch Gegenspieler, die Chaotarchen (Herr der Elemente, Xpomul) eingeführt. Hier verstrickte sich die Serie endgültig in ein Netz, in dem sie heute noch gefangen ist.
Man stelle sich vor: man will ein naturwissenschaftlich fundiertes kosmologisches Konzept konstruieren, und hat schließlich eine reine Fantasy-Mystik mit dem ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, wobei die Götter auch noch vermenschlicht werden.
Willi Voltz sah wohl das Problem; Horst Hoffmann hat mir mal mitgeteilt, dass Willi die Exposéredaktion abgeben wollte, bevor er krank wurde - eben aus dem Grund, weil ihm die Serie durch den von ihm erschaffenen kosmologischen Überbau aus der Hand geglitten war.
Dieses Problem wurde auch von anderen Autoren früh erkannt. In Heft 1224 (von Thomas Ziegler geschrieben) war über das Reich jenseits der Materiequellen zu lesen:
„Mit welchen Worten sollte man eine Region beschreiben, die jenseits aller Worte existierte? Es ist ein Problem der Sprache, dachte Rhodan. Die Sprache ist ein Spiegel des Bewußtseins und der Welt, in der man lebt. Für ein neues Bewußtsein und eine neue Welt benötigt man neue Worte, und wer jene neue Welt noch nie gesehen hat, wer sie nicht versteht, weil sie für sein Bewußtsein zu fremd ist, der wird auch diese Worte nicht verstehen.“
Trotz dieser richtigen Erkenntnis: die Autoren wurden die Geister, die einmal gerufen waren, in der Folgezeit nicht mehr los. Irgendwie lauerten immer wieder die Kosmokraten-Geister im Hintergrund und wirkten auf das Geschehen in unserer diesseitigen Welt ein, egal ob als Vater von Monos, als Verführer von Gesil, als Manipulator von ES (über die Negapsiqs von DORIFER), oder als Iniatoren der Befruchtung des Arresums über einen achten Mächtigen, der wie ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert wurde. Und unverhohlen traten sie im MATERIA-Zyklus wieder auf: Diener der Materie als Ober-Mächtige, Kosmische Fabriken, und schließlich Hismoom als Teufel, mit dem Perry Rhodan einen Pakt schließt.
Als Ausweg aus dem Dilemma sollte ein Dritter Weg her. Schon ESTARTU verfochte einmal einen solchen (worin bestand der eigentlich ?), indem es die Galaxis Hangay aus Tarkan rettete (warum eigentlich ausgerechnet, oder nur, Hangay ?). Und nun plötzlich Thoregon als Dritter Weg, ein Absolutes Vakuum mit ein paar Superintelligenzen drin. Nebenbei bemerkt: mit dieser Inflation von Überwesen (Nisaaru, wie hießen eigentlich noch die anderen ?) verscherzte man sich endgültig die Faszination, die ursprünglich von dem Begriff „Superintelligenz“ ausging. Auch SEELENQUELL erscheint aus dieser Perspektive nur noch als eine Entität von vielen, so dass hier sich zwangsläufig kein „sense of wonder“ (was ist das eigentlich ?) einstellen kann.
Das ist also das Grundproblem der Perry Rhodan-Serie: sie beging irgendwann den Fehler, Jenseits-Entitäten (kosmologische Götter) zu vermenschlichen. Anstatt diesen Fehler zu beheben (Scheer hätte sicherlich ein paar Bömbchen für den Jenseitsraum erfinden können, Kurt Mahr hätte mit einer Kettenreaktion des Moralischen Code wie Dominosteine zum Einsturz gebracht), begibt man sich immer tiefer in die Sackgasse und entwirft einen Gegenpol namens Thoregon zu diesen Kosmokraten-Chaotarchen-Göttern. Wobei dieser Gegenpol sowohl aus naturwissenschaftlicher, logischer und auch serienimmanter Sicht völlig abstrus ist. Anstatt den Gordischen Knoten zu zerschlagen, strickt man immer weitere Knoten, bis der kosmologisch Knäuel unentwirrbar ist.
Die Götter-Kosmokraten residieren in einem Reich jenseits der Materiequellen. Die Materiequellen stellen die nächste Stufe der Evolution über den Superintelligenzen dar und sind bereits so gut wie unbegreiflich, so daß sich die Region jenseits der Materiequellen gänzlich unserem Begriffsvermögen entziehen sollte.
Rainer Castor hat einmal die Region diesseits der Materiequellen als „materiell manifestierten Bereich des Kosmos“ postuliert. Konsequenterweise wäre die jenseitige Region der „geistig manifestierte Bereich des Kosmos“. Aber wäre damit für ein Verständnis viel gewonnen ?
Die Begriffsbildung „diesseits“ und „jenseits“ könnte man auch philosophisch sehen: „Diesseits der Materiequellen“ bedeutete in Kantscher Schreibweise die „Welt de Erscheinungen“, die unseren Sinnen und unserem Verstand zugänglich sind. „Jenseits der Materiequellen“, da lägen die „Dinge an sich“, die uns unzugänglich sind.
Schopenhauer ging an dieser Stelle noch weiter. Er zertrümmerte die „Dinge an sich“, sie waren in seiner Interpretation ebenso nicht existent wie der in der Vor-Einstein-Ära postulierte „Äther“ als Träger der Lichtwellen. Die Welt war nach Schopenhauer einerseits „Vorstellung“ (entsprechend Kants „Welt der Erscheinungen“), was bedeutet: das Sein wird durch unser Bewußtsein bestimmt. Andererseits war die Welt „Wille“. Hier beginnt die schwierige Interpretation, was Wille ist; Schopenhauer wollte ursprünglich den Begriff „Kraft“ verwenden, was allerdings zu viele Assoziationen zu physikalischen Phänomenen erzeugt hätte. Demnach wird das Bewußtsein durch das Sein bestimmt. Schopenhauer meinte, es gibt kein Subjekt ohne Objekt und kein Objekt ohne Subjekt. In seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ ist dieser Gedanke im Titel vorhanden, beide sind nicht voneinander zu trennen. Die Aufteilung in Materie und Geist ist durch unseren Geist geschehen und willkürlich. Ebenso sind die Konzepte Raum und Zeit oder Welle und Teilchen künstliche Begriffsbildungen unserer Vernunft. In der Relativitäts- und Quantentheorie wurden diese künstlichen Aufsplitterungen aufgehoben.
Was könnte dies nun für die Region jenseits der Materiequellen und die Kosmokraten bedeuten? Nun, sie sind nicht zu trennen von unserer Existenzebene diesseits der Materiequellen. Wir leben quasi in einer illusionären Welt, die dennoch real ist, und die Welt „jenseits“ ist die „GROSSE REALITÄT“, wie sie in der „klassischen“ Atlan-Serie einmal von H.G. Ewers folgendermaßen beschrieben wurde:
„Der Kosmos, wie seine Bewohner ihn ansehen, besteht nur aus einfachen und übergeordneten Illusionen. Die Große Realität aber war der Urgrund allen Seins, von dem übergeordnete Kraftfeldlinien winzigste Teile der Realität in den illusionären Kosmos transferieren, wo sie eine Ahnung des wahren Seins hervorriefen.“
Also: Die Region jenseits der Materiequellen ist die „Große Realität“, von der wir Menschlein nur illusionäre Schatten wahrnehmen können, wie die Bewohner von Platons Höhle. Aber dennoch: wir sind untrennbar mit dieser Große Realität verbunden, wie Schopenhauer feststellte, wir sind diese Große Realität.
An dieser Stelle eine Überblendung zu ES.
Laut LKS wurde die Münchhausen-Entstehung von ES in Band 2046 von vielen Lesern begeistert aufgenommen, aber auf mich wirkte das irgendwie total bescheuert. Man hatte die Stadt auf Wanderer vor Augen, die irdischen Landschaften dort, und da war noch die Elliptische Bahn mit Wega und Terra als Brennpunkt. Eine geheimnisvolle Vergangenheit der Erde, und mittendrin ES - und nun diese Selbstschöpfung... - aaarrrghhh.
Ursprünglich war ES von Karl-Herbert Scheer entworfen worden, um die Helden der Serie unsterblich werden zu lassen. ES war ein göttliches Etwas, das Unsterblichkeit spendete, und sonst nichts. Immerhin war in Band 12 („Das Geheimnis der Zeitgruft“) über das Wesen von ES zu lesen: „Wir leben länger als die Sonne, aber es ist gerade die Sonne, die das verhindern möchte.“ ES wäre nach dieser Interpretation mehrere Milliarden Jahre alt und nicht nur 18 Millionen.
Irgendwann im Laufe der Zeit verselbständigte sich dieses Etwas, wurde zu einem Mythos, und man sprach ihm den Status einer Superintelligenz zu.
Meine Frage: Bislang wurde das Geheimnis von SIs in der Serie immer relativ schnell gelöst (Kaiserin, BARDIOC, Seth Apophis). Aber ES verbarg sein Geheimnis. Könnte es nicht sein, daß ES im Kern etwas ganz anderes darstellt als „nur eine Superintelligenz zu sein“ ? Bisher nahmen die Terraner von ES nur Inkarnationen wahr, eine Energiespirale oder -kugel und einen Alten Weisen (Peregrin gab`s da auch noch). ES als Symbol für Allwissenheit und Allmacht - wie sieht ES eigentlich von „innen“ den Kosmos ?
Sollte man nicht Scheers ursprüngliche Version von ES als „göttliche Allmacht“ ernster nehmen ?
Kommen wir auf Schopenhauer zurück: Die Welt ist Wille und Vorstellung. Der Kosmos ist Vorstellung in unserem illusionären Ich, denn allein das Ich ist das Tor zur Welt. Der Kosmos, wie wir ihn wahrnehmen, hat einen illusionären Charakter: die Quantenmechanik hat gezeigt, dass es keine vom Beobachter unabhängige Realität gibt. Aber hinter unserem illusionären Ich steht etwas, das mit „kosmischem Geist“ bezeichnet werden könnte. Ich und Welt (Beobachter und Realität) sind untrennbar miteinander verbunden. Im Hinduismus wurde dies als Identität von Brahman und Atman beschrieben.
Wenn es eine „Große Realität“ gibt, dann gibt es auch ein „Großes Bewußtsein“, in dem sich alle individuellen Ichs des Kosmos wie in den Perlen von Indras Netz spiegeln (Rainer Castor, ich hörs in dir klingeln). Von diesem „Großen Bewußtsein“ sind die „Beobachter-Ichs“ (alle geistigen Wesen des Kosmos) illusionäre Schattenbilder. Dieses „Große Bewusstsein“ trägt den Namen „ES“. Die Terraner nahmen von ES bislang nur Inkarnationen wahr. Das waren alles nur illusionäre Täuschungen, wahrgenommen von illusionären Ichs. Die Kosmokraten als Manifestationen kosmischer Kräfte sind vom menschlichen Bewußtsein wahrgenommene Manifestationen von ES. Und nun der letzte Schritt, als Konsequenz der Brahman-Atman-Identität: ES stellt das zentrale Geheimnis des Kosmos dar, der Kosmos ist eine ES-Sphäre.
Dies ist die Antwort auf die Dritte Ultimate Frage, dies ist das GESETZ: Die Region jenseits der Materiequellen, die Große Realität, ist identisch mit ES, dem Großen Bewußtsein. Die Welt inklusive der physikalischen Erscheinungsformen und der darin enthaltenen geistigen Entitäten ist eins. Initiation und Wirkung bzw. Ziel (Wer initiierte das GESETZ, und was bewirkt es ?) betreffen den gleichen Sachverhalt, letztlich die Identität von materieller und geistiger Substanz des Kosmos. Unsere wahrgenommene Realität ist eine Illusion, ebenso wie unser Ich-Empfinden eine Illusion ist. Aber zugleich sind diese illusionären Phänomene untrennbar mit der Großen Realität bzw. dem Großen Bewußtsein verbunden, im tiefsten Grunde sind sie eins.
Damit ist die Dritte Ultimate Frage beantwortet, und nun herrscht Friede, Freude, Eierkuchen. Wir Voltzianer brauchen kein Thoregon. Thoregon ist Quatsch, Unsinn, überflüssig, unästhetisch, unlogisch. Am besten ein Hyperinmestron in diese Sphäre hineinjagen, damit sie sich in Nichts auflöst (in ein richtiges, nicht ein falsches Vakuum). Der Dritte Weg ist ein Holzweg; pikanterweise wurde der Bohlensteg aus Graphit als Metapher für den Holzweg von den Autoren bereits von Anfang an mit eingebaut. Weise Voraussicht oder höhere Eingebung ? Das Geheimnis der Brücke in die Unendlichkeit ist also gelüftet, und das der Helioten gleich mit: Wenn sich ES schon selbst erschaffen kann, kann ES sich auch gleich selbst erscheinen: die Helioten sind nichts anderes als ES-Sphären bzw. ES-Inkarnationen. Wir erinnern uns an BARDIOC, CLERMAC, VERNOC, SHERNOC, BULLOC...
Also: Klappe zu, Licht aus, der PR-Film ist zu Ende... Aber nein, es geht weiter: Licht aus, Spot an (das kennen wir ja noch aus glorreichen Zeiten), jetzt gehts erst richtig los mit Perry Rhodan, einer richtigen Science Fiction - Serie. Dann können uns die Autoren endlich den tausendsten Aufguß der Kosmokraten, der Ritter der Tiefe, der Diener der Materie als Obermächtige usw. ersparen. Die brauchen wir jetzt nicht mehr. Die Geheimnisse der Region jenseits der Materiequellen und von ES sind gelöst. Jetzt erst (und nicht nach einer dümmlichen Zeitschleife, aus der sich ES angeblich befreit hat) ist die Menschheit frei von dem lähmenden kosmischen Überbau und kann selbstbestimmt die wahren Geheimnisse des Universums ergründen und nach dem Sinn der Welt suchen.