www.Fantastik-online.de -> Reportagen
Von Fledermäusen, Fleischwurst und Macho-Frauen
Fantasien auf dem Open Mike 2006
Am Abend des 22. September 2006 wurde das beschauliche Städtchen Glinde bei Hamburg von einer bunten Schar von Autoren aufgesucht. Im schönen historisch-rustikalen Ambiente des „Alten Gutshauses“ traf man sich zu einer neuen Lesung mit Musik, bei der es quer durch alle Genres gehen sollte. Das sollte von Herzschmerz bis Grusel reichen, von Alltagsbeobachtung bis hin zu totaler Fantasie. Mal Lyrik, mal Prosa, mal schräg satirisch und mal besinnlich. Kurz, die zahlreich erschienen Gäste erwartete ein aufregender Cocktail.
Organisatorin und „Open Mike“-Veranstalterin Rena Larf begrüßte in gewohnt charmanter Art alle Anwesenden, wies auf den Büchertisch in, an dem man in der Pause – neben Wein und Gebäck – auch einen „literarischen Imbiss“ würde nehmen können – und leitete dann über zur ersten Autorin des Abends.
Susanne Henke machte mit ihren bösen Geschichten vom „Loslassen“ und „Airport“ den Anfang. Scharfzüngig und satirisch treffend beschrieb sie darin den Irrsinn der Buchmesse und das intrigante Spiel der Geschlechter, das Gewebe aus Betrug und Eifersucht bis hin zum Mord.
Danach hatte Musiker Jürgen Behnke – der bewährte Literatur-Rocker – seinen ersten Einsatz. Zur Auflockerung zwischen den Texten griff er in die Saiten seiner E-Gitarre und brachte erdigen Blues und Rock.
Dann trat der „Badische Satirehammer“ Karsten Mekelburg auf und nahm den Gammelfleischskandal aufs Korn. Warum die Fleischwurst wohl Fleischwurst heißt, wo da doch nur Müll drin ist? Muss wohl an historischer Überlieferung aus einer Zeit liegen, in der das noch anders war. Im zweiten Text parodierte der Spaßvogel gekonnt das Schreiben eines gängigen Fantasy-Romans. Zum Brüllen.
Als dritte Darbietung gab es erfrischende und auch besinnliche Gedichte von Frau Christine Zickmann. Sie hatte drollige Tiergedichte – z.B. über die Spinne Schlotterbein – dabei, aber auch Nachdenkliches zu Themen wie der Alzheimer-Krankheit und dem Sterben. „Es kann ja nicht immer nur gelacht werden“, sagte sie ganz richtig zu ihrer ausgewogenen Mischung.
Nummer Vier war dann Autor Thomas Kohlschmidt. Er knüpfte mit zwei Gedichten an die Lyrikschiene an und beschrieb das sommerlicher Verhalten von Fledermäusen und die Magenprobleme von Verliebten, um dann satirisch „Mode für Ärsche“ vorzustellen und mit der bitterbösen Advents-Horror-Story „In Liebe und Unschuld“ zu enden.
Nach der Verschnaufpause, in der gegessen, geraucht, geplaudert und am Büchertisch gestöbert werden konnte, ging es in die zweite Halbzeit.
![]() |
![]() |
Nach einer musikalischen Einleitung aus dem Bluesland kam Autorin Frauke Baldrich-Brümmer auf die Bühne. Sie berichtete von Poetry-Slams und den Besonderheiten solch schräger Underground-Wettbewerbe. Sie brachte als Kostproben „slam-tauglicher Texte“ freche Lyrik und satirisch sehr wortwitzige Kommentare zu Gameshows und anderem Alltags-Irrsinn. Ein knackiger Spaß, der bewiesen hat, dass Literatur fetzen kann!
Rena Larf war die Nächste im Reigen. Sie stellte ihr brandneues Buch „Das Liebesleben einer Macho-Frau“ vor und brachte daraus die kleine amouröse Episode „Ahbe isch gar keinen Köter, Senior!“ – Das war der Funken Erotik, der dem Abend bislang noch gefehlt hatte, und der das Publikum an diesem warmen Spätsommerabend Sinnlichkeit hat spüren lassen.
Den Abschluss machte der Standesbeamte Wolfgang A. Gogolin. Mit unnachahmlich trockenem Humor präsentierte er „Beamte und Erotik“ und ließ in seinem ersten Text zwei Büroangestellte über ein heikles Thema philosophieren: „Binde oder Tampon?“
Passend zum Ausklang des Abends gab er dann noch Gedanken zum Thema „Famous last Words“ in die Runde.
Mit einem kräftigen Gitarreneinsatz setzte Jürgen Behnke dem gelungenen Abend den entsprechenden Schlussakkord.
Als sich alle Autoren und Macher auf der Bühne zum „Auf Wiedersehen-Sagen“ trafen, gab es vom Kulturteam Glinde als nette Geste eine Rose für jeden! -
Ja, das war wieder ein äußerst gelungener Abend, der allen viel Spaß gemacht hat. Und man kann nur auf eine Wiederholung hoffen, damit es wieder heißt: „Open Mike – Glinder Autorennacht“!
Fantastik-online, September 2006
Fotos von Bernd Timm und Klaus Wittmack
Text von Thomas Kohlschmidt