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Gothic-Metal-Drama
„Within Temptation“ katapultiert uns durchs Universum
Scharen von Schwarzgekleideten durcheilten am 20. Mai 2007 die Hansestadt Hamburg. Damen in atemberaubenden Spitzenkleidern, mit Korsagen und in Lack und Nieten, Jungs in Ledermänteln, mit Spitzbärten und Ringen an allen Fingern. Bleichgeschminkte Gesichter, Tattoos und behängt mit okkulten Amuletten. Es würde eine rauschende Ballnacht des dunklen Rocks werden: Die extrem angesagte Gothic-Band „Within Temptation“ war in der Stadt und würde im völlig ausverkauften „Docks“ an der Reeperbahn in St. Pauli aufspielen.
Schon weit über eine Stunde vorher zog sich eine lange Schlange mit vampirischem und punkigem Volk die Amüsiermeile Hamburgs entlang. Fast wirkte es etwas deplaziert, hier inmitten von buntem Flacker-Neon und umströmt von Touristenpulks anzustehen, aber schon gleich nach dem Eintauchen in die große, dunkle Gruft des „Docks“ konnte man als lichtscheuer Gothic aufatmen. Ja, es war eine große Höhle, gefüllt mit gleichgesinnten Seelen. Uns erwartete keineswegs eine Welt, in der einzig und allein morbide Provokation, Sado-Maso und Schmerz regieren, oder gar Teufelskulte abgehen, wie Laien glauben, die „Grufties“ so ziemlich alles zutrauen.
Nein, die Gothics empfinden sehr sensibel Tieferes im Alltag. Es geht um unsterbliche Hingabe an die schwarze Romantik, an das ewige Drama zwischen bittersüßer Liebe, Lust und Verlorenheit. Dieses Lebensgefühl macht die Szene maßgeblich aus, und das Thema Tod als elementare Wahrheit ist auch Symbol für seelisches Sterben, für Einsamkeit. Zwischen Liebe und Vergänglichkeit entsteht die große Leidenschaft, und exakt diese stand mit „Within Tempatation“ buchstäblich an! –
Nach harten Punksongs einer lokalen Newcomer-Band und dem recht zügigen Umbau verdunkelte sich der Laden vollends, und ein vorfreudiges Raunen lief durch das Publikum. Es war heiß, höllisch heiß und schwitzig, Genau richtig für ein Konzert, das ohne jeden Zweifel extrem abgehen würde. Dann erklangen erste Hymnentöne. Großmächtige Klangfolgen, wie man es von pathetisch-eindringlichem Gothic Metal gewohnt ist, durchwogten den Club. So manche Gänsehaut wurde damit erzeugt, und die „Kinder der Nacht“ erschauerten. Und schließlich kam die Band unter Nebelschwaden auf die Bühne, erst die fünf Jungs in schwarzem Leder, und dann Sängerin Sharon den Adel in weißem Korsagen-Kleid mit Stiefeln, energetisch wie immer. –
Seit Gitarrist Robert Westerholt die Gruppe 1996 in Utrecht, Holland, gegründet hat, ist sie mit nur drei CDs und einigen aufsehenerregenden Live-Auftritten längst aus dem Ruf herausgetreten, „nur“ ein Imitat von „Nightwish“ zu sein. Vor allem Leadsängerin Sharon den Adel verleiht Hymnen wie auch Balladen ihren unverwechselbaren Temptation-Sound. Da mischen sich sakrale Chöre mit Flöten, Klavier und hartem E-Gitarren-Angriff. Und mittendrin, vermittelnd und verbindend, mal schmelzend sanft, mal messerscharf aggressiv, die Stimme von den Adel.
Die erste Single „Enter“ wurde in der Szene vielbeachtet, „Within Temptation“ spielten auf dem „Dynamo 1997“ und absolvierten sogar noch eine kleine Deutschland- und Österreichtournee, bevor sie 1998 beim „Dynamo“ schon auf der Hauptbühne auftreten konnten. Und die zweite Single „The Dance“ erschien.
Bis zur ersten Langspiel-CD sollte es jedoch noch zwei Jahre dauern, denn einige Bandmitglieder beendeten erst ihr Studium und man richtete sich ein eigenes Studio ein. Als Ende 2000 dann aber „Mother Earth“ herauskam, war das eine Rakete. Die Platte gewann manche Ehrung, wurde vergoldet und eröffnete „Within Temptation“ die Möglichkeit zu einer ausgedehnten Tournee durch über 40 völlig ausverkaufte Clubs und zu Auftritten in Paris, Mexico-City und auf vielen Benelux-Festivals. Die Single „Ice Queen“ wurde Nummer 1 in den Niederlanden und in Belgien: Immer neue Fans konnten gewonnen werden.
2004 erschien die zweite Langspiel-CD „The Silent Force“, diesmal sogar mit russischem Chor. Alles war noch bombastischer, mystischer und setzte die Erfolgsstory fort. Tourneen, Festivals, Live-Aufritte – „Within Temptation“ ist eine Publikumsband, die mächtig gut auf der Bühne kommt, was sich herumgesprochen hat.
Nach einer kleineren Babypause (Gratulation Sharon und Robert) stellte die Band im März mit „The Heart of Everything“ ihre dritte, diesmal sehr rockige, Scheibe vor, auf deren Promtion-Tour nun auch Hamburg erreicht worden war. Hier und jetzt!
Und gerade legten „Within Temptation“ im „Docks“ richtig los:
Inmitten gut ausgetüftelter Beleuchtungs- und Nebelschwaden-Optik entfalteten die Backwall-Projektionen volle Wirkung. Eine Friedenstaube erhob sich scheinbar inmitten orangefarbiger Licht-Schlieren und wurde von Kriegsflugzeugen gejagt. Dazu röhrten E-Gitarren wie Motoren, das Schlagzeug hämmerte und die Sängerin sang als Furie im Brautkleid.
Bei „Mother Earth“, dem Titelstück ihrer ersten CD, erschienen Ekliptik-Bögen mit Tierkreiszeichen und ein stilisierter Baum wuchs in die Höhe. Sharon den Adel peitschte das Publikum mit ganzem Körpereinsatz zum Mitklatschen. Unablässig war sie auf der Bühne in Bewegung, winkte, beschwor, warf den Kopf hin und her und rief dem Publikum zu. Eine explosive Darbietung, die den dunklen Ballsaal noch mehr erhitzte.
Bei „In Perfect Harmonie“ gingen Feuerzeuge an, bei „Forsaken“ lief ein wohliges Raunen durch den Saal. Ja, das Feeling war wieder da, das wir alle gesucht hatten. Zwischen Hart und Zart, Böse und Gut, Liebe und Wut und den schwarzen Jungs im Gegensatz zur weißgewandeten Sharon den Adel entfaltete sich ein aufregender Zauber, der bei Musik und Lichtspielen wachsen und wachsen konnte. Sehr gut gemacht! –
Da kann sich mal so manch eine Mainstream-„Mega-Band“ und so manch ein sogenannter „Weltstar“ eine dicke Scheibe abschneiden! Leute, SO macht man ein geiles Konzert. Bei gar nicht so viel technischem Aufwand, den dann aber raffiniert eingesetzt und mit LEIDENSCHAFT vorgetragen. Die Gruppe trägt ihren Namen völlig zu Recht! Und das überträgt sich dann halt aufs Publikum.
Nach diesem gelungene Auftritt schwärmten die schwarzen Besucher-Horden zufrieden in alle Richtungen über St. Pauli hinweg aus und verschwanden in den U-Bahnschächten, finsteren Bars oder anderen Orten, die geheim bleiben. Und der „Within Temptation“-Tournee-Truck rauschte schon heran. Es gab keine Zeit zu verlieren, denn „Dark Wings“ würden „Within Temptation“ weitertragen zu neuen erstaunlichen Momenten.
Text von Thomas Kohlschmidt
Zeichnungen von Thomas Kohlschmidt
Copyright by Fantastik-online, Juni 2007
P.S.
Neben Robert Westerholt (Gitarre) und Sharon den Adel (Gesang) besteht „Within Temptaion“ zur Zeit aus Jeroen van Veen (Bass-Gitarre), Marijn Spierenburg (Keyboards), Stephen van Haestregt (Schlagzeug) und Ruud Jolie (Gitarre).