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1886 - Der Schatz von Istanbul

von Rena Larf

Während der Orient-Express nach einem kurzen Halt in Bukarest mit Schütteln und Rattern weiter über die Gleise in Richtung Morgenland dampft, fiebert Christopher Sinclair seinem Ziel entgegen.
Bei jeder Radumdrehung wird rhythmisch eine grauschwarze Qualmwolke ausgestoßen. Sie ist fast so schwarz und trüb wie Christophers Gedanken.
Bei Giurgewo, kurz hinter Bukarest, müssen die Reisenden die Donau überqueren. Per Fähre setzen sie über und gelangen an Bord eines Zuges durch Bulgarien bis nach Varna am Schwarzen Meer.
Eine erneute Schifffahrt wird sie in fünfzehn Stunden an ihre lang ersehnte Endstation Istanbul bringen…

Immer wieder sah er sich suchend nach seinen Verfolgern um.
In Varna waren sie an Bord gekommen. Auf Anhieb waren ihm die zwei Gestalten aufgefallen. Beide trugen trotz des warmen Wetters lange, schwarze Ledermäntel, die bis zu ihren Knöcheln reichten.
Er wusste gleich, dass sie es waren.
Fünfzehn Stunden blieben ihm noch bis Istanbul. In dieser Zeit konnten sie ihn zehn Mal um die Ecke bringen, sofern sie ihn erwischten.

Vorsichtig und dennoch schnell glitt Christopher Sinclair an den Passagieren vorbei. Englische Aristokraten, russische Generäle, ein Araber mit Gefolge. Keiner von ihnen ahnte, was den hastig vorbei eilenden Mann trieb.
Aber auch keinem traute Christopher.
Mit dem ein oder anderen von ihnen hatte er auf der langen Fahrt im Speisewagen des Orient-Express an einem Tisch gesessen und ein paar Worte gewechselt.
Aber konnte er sicher sein, dass es keine von ihnen waren?
Vielleicht hatten sie sich nur gut getarnt und versucht, sein Vertrauen zu erschleichen.


Christopher blickte um sich, spähte vorsichtig nach links und rechts, während er schnell an der Reling des Schiffes entlang rannte. Sein Atem ging keuchend, und in seiner linken Seite begann es unangenehm zu schmerzen, weil er zu schnell gelaufen war. Aber er wusste, dass sie seine Spur gefunden hatten, und dass er nur dann eine Chance haben würde, wenn er so rasch wie möglich untertauchte und in einer Kabine einen sicheren Unterschlupf suchte.
Er musste die Karte in Sicherheit bringen – das war alles, was zählte!
Christopher Sinclair versteckte sich für einen Moment hinter einem Mauervorsprung um durchzuatmen.
Täuschte er sich, oder hörte er jetzt bereits ihre Stimmen? Seine Hand riss die Waffe aus dem Gürtel und ein trotziges Lächeln schlich sich in seine verkrampften Züge. Er würde es ihnen trotzdem nicht leicht machen und einige von ihnen töten, bevor sie ihn selbst...
Noch fünfzehn Stunden bis Istanbul….

„Ich habe die Karte. Ich habe die Karte.“
Immer wiederholte er diese vier Worte in einem ungläubigen Singsang.

Er traf den alten Chinesen in Paris im Quartier de la Gare. In dem Gewimmel der Menschenmasse, die im chinesischen Viertel arbeiteten und wohnten, hatte der Alte sich sicher gefühlt.
Kaum ein paar Sätze hatten sie sich zugeraunt.
„Beeilen Sie sich, sie sind in der Nähe und werden versuchen, Ihnen die Karte abzujagen!“

„Ich werde sie mit meinem Leben beschützen!“

„Das werden Sie auch müssen. Erst wenn Sie in Istanbul sind, wird sich ihr Schicksal erfüllen!“
Dann war der Chinese verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Christopher hatte ihn nicht einmal um die Ecke biegen sehen. Geschweige denn hatte er ihn fragen können, wie er an diese Schatzkarte gekommen war.

Erst Stunden später, als der Orient-Express mit tiefem Keuchen seiner Dampfkessel Paris verlassen hatte, fühlte sich Christopher Sinclair etwas sicherer.
Er hatte jeden Passagier, der mit ihm in Paris zugestiegen war, sorgsam unter die Lupe genommen. Aber keiner von Ihnen machte den Eindruck eines rüpelhaften Glücksritters oder eines knallharten Jägers.
Der Orient-Express war eine Welt für sich. Hier gab es nur schöne, reiche Menschen. Sogar Polizeibeamte waren mit an Bord, um den Reisenden Schutz zu gewährleisten.

Christopher fühlte sich für den Moment sicher.

Er ging in seine Kabine und verschloss sie sorgfältig von innen.
„Ich habe die Karte. Ich habe die Karte, “ flüsterte er wieder leise und nahm das Blatt Pergament aus der Innentasche seines Mantels. Ehrfürchtig faltete er es vorsichtig auseinander.

Das war sie also - die Karte, die den Weg wies zum Schatz der Tempelritter!
Er konnte diesen Gedanken kaum denken, geschweige denn ihn wirklich laut aussprechen.
So unfassbar war diese Tatsache. Jahrhunderte waren Jäger und Glücksritter auf der Suche nach dem sagenumwobenen Schatz, hatten ihr Leben riskiert und unerbittlich ihre Konkurrenten ermordet.
Und nun sollte er, ja er, Christopher Sinclair, in den Besitz des einzig wahren Wissens gelangt sein? In England hatte man den Schatz vermutet, in Schottland oder vergraben in den Pyrenäen, ja selbst in Amerika sollte er liegen.
Und nun? Nun wies diese Karte den Weg nach Istanbul!
Mitten unter die Hagia Sophia. Auf der Karte verfolgte Christopher mit seinem Zeigefinger den Weg bis zu einem verschütteten Schacht tief unter der Erde. Mit den heutigen Möglichkeiten würde es ein Einfaches sein, das Geheimnis zu lüften. Vielleicht sogar endlich den heiligen Gral zu finden!

Es klopfte an der Türe. Christopher versteckte die Karte im Nachtschrank.
„Fahrscheinkontrolle!“, drang es mit französischem Akzent an Christophers Ohren.
Er wühlte kurz in seiner Tasche herum und öffnete.
Bevor er sich versehen konnte, landete eine Faust auf seiner Nase und er flog in hohem Bogen rückwärts gegen den Waschtisch.
Der falsche Schaffner schloss rasch die Abteiltür und machte sich daran, den jungen Amerikaner mit brutalen Schlägen zu traktieren. Dann riss er ein Messer aus seinem Gürtel, mit dem er vor Christophers Augen in der Luft herum stach.
Nur durch die ruckende Gleisbewegung des Orient-Express ergab sich der glückliche Umstand, dass der Angreifer seinen Halt verlor und Christopher ihn mit einem brachialen Hieb niederstrecken konnte, bei dem dieser das Bewusstsein verlor.
Christopher riss den Nachtschrank auf und nahm die Schatzkarte an sich.
Dann floh er aus seinem Abteil den Gang entlang.
Sie waren also hinter ihm her!
Aber woher hatten sie gewusst, dass er den Orient-Express nehmen würde?


Der alte Chinese hatte bei ihrem ersten Treffen in Paris zu Christopher gesagt:
„Sie sehen alles, sind überall und das viel eher als Sie selbst! Sie sind Zeitreisende!“
Christopher hatte ihn kopfschüttelnd ausgelacht.
Zeitreisende hier im Orient-Express? Ach, das war doch alles Blödsinn…- das Märchen eines alten Mannes aus China...


Christopher Sinclair versteckte sich für einen Moment hinter einem Mauervorsprung um durchzuatmen.
Täuschte er sich, oder hörte er jetzt bereits ihre Stimmen? Seine Hand riss die Waffe aus dem Gürtel und ein trotziges Lächeln schlich sich in seine verkrampften Züge. Er würde es ihnen trotzdem nicht leicht machen und einige von ihnen töten, bevor sie ihn selbst...
Noch fünfzehn Stunden bis Istanbul…

Am östlichen Ufer des Bosporus, wo die Lichter der Anlegestelle schimmern, liegt der prächtige Bahnhof Haydarpasa. Dorthin setzen die Reisenden über. Sie haben den Orient erreicht. Istanbul, die alte Dame, wartet auf ihre Besucher.




Einer wird diesen Blick nicht mehr wahrnehmen können:
Christopher Sinclair.
Mit einem Loch in der Stirn haucht er sein Leben auf der Bahnhofstoilette von Haydarpasa aus. Und das Geheimnis um den sagenhaften Schatz von Istanbul nimmt er mit sich in den Tod…

Die Umrisse von eindrucksvollen Palästen und turmhohen Minaretten zeichnen sich vor dem roten Himmel ab, aber die Männer mit den langen Ledermänteln haben keinen Blick für die Schönheiten des Orients.
Mit hastigen Schritten überqueren sie die Straße und verschwinden im engen Gewirr der Gassen des Basars.

„Verdammter Mist, wir müssen zurück“, flüstert der Caudillo. „Dieser Idiot hat die Karte in der Toilette runtergespült. Am besten schnappen wir ihn bereits in Paris und nehmen ihm dort das Pergament ab!“

Und mit einem vernichtenden Blick auf seinen Begleiter zischt er: „Und wenn du dich nicht im Griff hast, Ivan, nehme ich dir deine Pistole ab!“

Nur ein aufmerksamer Augenzeuge hätte beobachten können, dass sich der Anführer einen kleinen, metallenen Gegenstand in das Ohr steckt und sie nach wenigen Augenblicken von einer Wand verschluckt werden…