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Der Inquisitor
Die Diktatur der Hobby-Lektoren
Die Fantastik-Szene brauchte endlich einem Mann, der sich gegen den Wahnwitz stemmt. Seit Jahren schon wuchern Missstände wie Giftkraut in der Szene. Fans werden von immer neuen Zumutungen aller Art in die Enge getrieben. Neben diesen „modernen“ Meuchlern sind es auch die ewigen Ärgernisse, die uns lähmen oder in Weißglut versetzen: Vorurteile, Institutionen, Tabus und Schablonen der Doofheit.
Freunde, verzweifelt nicht: Jetzt hat der INQUISITOR unserer Weinen gehört, unseren Schmerz verstanden. Er hat sich aufgemacht, ab sofort den geißelnden Sengstrahl seiner Kritik kreisen zu lassen und längst überfällige Urteile zu sprechen.
Seine Feuer brennen, seine Fallbeile sind gerecht. Staunet über sein Wirken...
„Und wieder muss ich, der INQUISITOR, meinen Schönheitsschlaf unterbrechen, um einen Ekel-Anfall auszuleben. Mir stinkt sie schon lange,
„Die Diktatur der Hobby-Lektoren“
Es liest sich wie ein Kapitel aus einem Horrorroman: Der junge Autor Bernd Fröhlich hat nach besten Kräften eine drollige Kurzgeschichte mit Schwung und Liebe verfasst und sie an einen der vielen Kleinstverlage geschickt, die „jungen, noch unentdeckten Talenten eine Chance“ geben. Nach einiger Zeit bekommt er schriftlich Antwort: „Vielen Dank für deine Geschichte. Sie wurde ausgewählt, in unserer nächsten Anthologie ´Hoffnung und Enttäuschung´ zu erscheinen. Allerdings muss sie unbedingt noch etwas überarbeitet werden. Dazu wurde dir unsere erfahrene Lektorin Dietlinde Gnörich-Nörgler zugeteilt, die sich in Kürze mit dir in Verbindung setzen wird! Herzlichen Glückwunsch!“
Erste Freude verfliegt wie ein Furz im Wirbelsturm, als dann Frau Gnörich-Nörgler per E-Mail schreibt: „Junger, noch sehr unerfahrener Freund. Ich habe mir dein Elaborat angeschaut und es einmal kurz überarbeitet. Meine Anmerkungen findest du in roter Schrift in deine Geschichte eingefügt. Ich habe mich dabei nur auf die allerwichtigsten Punkte beschränkt, an die wir unbedingt heranmüssen, um das Ganze für Leser genießbar zu machen. Bitte fasse meine Kritik nicht als Nörgelei auf. Lies alles gut durch, sieh es als wertvolle Lehre auf deinem Weg zu jener Perfektion, die mir als gelernte Germanistin natürlich zu eigen ist, und wachse daran.“
Bernd Fröhlichs Herz sackt ins Bodenlose, als er die Textdatei öffnet, die als Anhang dem Lektoren-Mail beigefügt wurde. Seine Story hatte ursprünglich fünf Seiten, nun, - in gleicher Schriftgröße und Formatierung - sind 12 Seiten daraus geworden! Mehr als die Hälfte des Textes ist rot! Beinah zu JEDEM seiner Sätze gibt es meterlange Anmerkungen. Und beim Überfliegen jener Kritikwüsten wird schnell offenbar: Frau Lektorin hat hier und da zwar zu recht Schreibfehler und falsche Grammatik begradigt, vereinzelt auch bessere Formulierungen gefunden, aber in der Hautsache die komplette Story NEU geschrieben, und zwar in IHREM Stil. Na, Donnerschlag!
Ist man denn als junger Autor wirklich dazu gezwungen, sich so was gefallen zu lassen? Völliges Umschreiben durch den Lektor? Eingriffe in sämtliche Sätze, ja, sogar in Inhalte und Figuren („Junger Freund, am Ende sollte die Frau lieber nicht sterben. Das wäre schlechte Dramaturgie. Lass sie leben. Auch wäre es besser, die Frau wäre ein Mann und das Ganze kein Western sondern eine Liebesgeschichte!“)?
Jahrelange Odyssee durch Fandom-Lektorate (und anderes sind jene Möchtegern-Experten-Schmieden bei Kleinstverlagen ja nicht), haben bei vielen Autoren Wunden hinterlassen. Was wurden sie vergewaltigt, mit zuckersüß verpackten Belehrungen übergossen, mit Dudenzitaten besserwisserisch traktiert und von den akribischen Buchhaltern der Sprachkunst in den Staub gedrückt. Ihnen wurde ihr eigener Stil ausgetrieben, bis oft nur noch stereotype Konfektionsschreibe überblieb. Und am Schlimmsten: Ihnen wurden persönliche Macken der Lektoren aufgepresst (Ein Textverbieger mag das Wort „Grünkohl“ nicht und streicht es stets. Ein Anderer legt Wert darauf, dass Fragen immer mit „..., nicht wahr?“ enden. Und eine Dritte, Frau Gnörich-Nörgler nämlich, will verbieten, dass in Deutschland jemals ein Autor am Ende des Romans eine Frau sterben lässt. Tztztz)! -
Jeder noch so schwache Widerstand von Seiten der Autoren wird von den Mieslingen unter den Lektoren mit dem Holzhammerargument „ein Autor muss kritikfähig sein“ niedergedroschen. Und selbstverliebte Lekto-Diktatoren klagen allzu gerne Schreiber an, sie würden ihr „Geschreibsel einfach zu wichtig nehmen.“ Rohtexte wären kein Heiligtum und Autorenseelen weinerliche Waschlappen ohne Lernwillen. - Soviel Frechheit macht sprachlos. Die Folge: Junge und neue Autoren werden verheizt, deren frische Ideen in den Dreck gerissen und ihre Texte vollständig entstellt.
Zwischen vielen guten Lektoren lauern auch immer wieder egozentrische Kunstkiller. Autoren sind für diese schwarzen Schafe der Branche nur Kanonenfutter, deren Texte nur Anlass zum Austoben. Und jene, genau jene Typen meine ich, wenn ich nun meinen INQUISITOR-Stab erhebe und ausrufe: „Meuchelmörder der Schreibkunst, auf den Scheiterhaufen. Große ARSCHLOCH- LEKTOREN- VERBRENNUNG, heute ganztags auf dem Marktplatz! EINTRITT FREI!“
Hurraaa!
Und wieder ist die Welt ein Stückchen heller!
Text: Thomas Kohlschmidt
Bilder: Thomas Kohlschmidt
Copyright: Fantastik-online, Juli 2007